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17Aug/09Off

Der Qype-Schock – Wenn Crowdsourcing nicht funktioniert

Autor des Artikels: Matias Roskos

Ich war zwei Wochen im Urlaub. Garmisch-Partenkirchen war das Ziel meiner Familie. Und wir hatten wirklich eine fantastische Zeit dort. Als "Netzmensch" und intensiver iPhone-Nutzer wollte ich unter anderem intensiv die entsprechenden iPhone-Apps nutzen um Ausflugsziele und Tipps mir anzeigen zu lassen. Hierfür hatte ich mir von Merian die App zum "Zugspitzland" herunter geladen. Die Qype-App hatte ich schon seit längerem installiert und ab und zu mal ausprobiert. Nun sollten diese beiden Apps so richtig zum Einsatz kommen. Zusätzlich hatte ich den Versuch unternommen mir via Facebook von Freunden ein paar Tipps geben zu lassen. Ich hatte aber eigentlich nicht so sehr damit gerechnet, dass das etwas bringen würde.

Um so größer war dann meine Überraschung im zweiwöchigen Praxistest. Vorweg nur ganz kurz die Merian-App. Um es kurz zu machen: sie taugt nicht viel. Viel zu wenig Tipps. Viel zu weit weg von meinem Urlaubsort. Kaum Text, keine Bilder. Damit kann man nicht wirklich was anfangen. Und als Web 2.0 Mann stelle ich mir natürlich die Frage: Warum kann ich keine Kommentare zu den Tipps hochladen? Warum kann ich keine zusätzlichen Bilder direkt vom iPhone einpflegen? Warum kann ich keine neuen Tipps anlegen? Die Merian-App ist blind. Eine Einbahnstraße, die völlig unzeitgemäß ist. Und zudem noch nicht mal richtig was taugt. Sie verschwindet ganz schnell wieder von meinem iPhone. Sie ist ihren Preis von 1,59 € nicht wert.

Qype und Garmisch-Partenkirchen - funktioniert (bisher) nicht

Aber dafür gibt es ja Qype. Hier setzt man auf das wunderbare Crowdsourcing-Prinzip. Hier werde ich garantiert viele gute Tipps, viele Fotos, viele hilfreiche Kritiken von anderen Urlaubern finden. Dachte ich mir. Garmisch-Partenkirchen ist ja nicht irgendein Kaff irgendwo weit ab der touristischen Brennpunkte. Wenn nicht für Garmisch-Partenkirchen, wofür dann? Dachte ich mir so. Und wurde böse überrascht von Qype. Ja, es gibt den ein oder anderen Tipp. Aber: meist ohne jedes Bild. Oft ohne Öffnungszeiten. Und fast immer: ohne einen einzigen Nutzerkommentar. Ich war ehrlich geschockt wie dünn Qype für Garmisch-Partenkirchen bestückt ist. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Ein Beispiel. Ich wusste (dazu später noch mehr), dass es in Grainau, nur wenige Kilometer von Garmisch-Partenkirchen entfernt, ein wunderbares Freibad gibt. Das Zugspitzbad. Ich gab also in der iPhone-App für den Ort "Grainau" den Suchbegriff "Freibad" ein. Erscheint mir logisch diese Suche. Das Ergebnis zeigt dieser Screenshot von meinem iPhone:

qype iphone grainau

Laut Qype gibt es also in Grainau kein Freibad. Ups. Ich wusste aber, dass es eines gibt. Ich wusste sogar den Namen. Also gab ich den Namen ein: "Zugspitzbad". Und siehe da, es wurde zumindest gefunden.

qype freibad grainau

Mein erster Gedanke war: "Was für ein Blödsinn! Ich suche doch nicht nach dem Namen..." Und die Enttäuschung war noch größer, als es kein einziges Bild, keine einzige Nutzerkritik gab. Das hat sich jetzt geändert, weil ich ein Bild hochgeladen und etwas dazu geschrieben habe. Nur "meckern" ist nicht mein Stil. Das im Screenshot zu sehende Bild sowie die Bewertung stammen von mir. Vorher war dort nichts.

Als ich dann auf dem Rechner Qype aufrief und wiederum nach einem "Freibad" in "Grainau" suchte, wurden mir wenigstens Bäder in Garmisch und der Umgebung angezeigt. Aber nicht das herrliche Freibad Grainau. Also die Online-Version war schon etwas hilfreicher. Das ändert aber nichts daran, dass es keine Bilder (siehe Screenshot) und keine Meinungen aus der Community gibt. Und das Schlimme war: das betraf nicht allein das Freibad in Grainau. Immer wieder fand ich via Qype nur wenige Tipps, die vermutlich automatisch durch eine Software eingepflegt wurden. Da wurden vermutlich irgendwelche Branchenbücher gecrawlt. Aber nie gab es für Garmisch-Partenkirchen und Umgebung Bilder, geschweige denn Artikel von Nutzern. Ich gewann immer mehr den Eindruck: Crowdsourcing auf Qype funktioniert nicht.

Suche nach Freibädern auf Qype

Ursachen warum Qype nicht funktioniert

Da ich mich beruflich sehr intensiv mit Crowdsourcing beschäftige und Qype an sich sehr mag, weil sie genau auf diesen Baustein des Web 2.0 setzen, fragte ich mich dann: Warum ist das so? Warum funktioniert Qype an der Stelle nicht?

Es gibt Tausende von Touristen die Jahr für Jahr nach Garmisch-Partenkirchen fahren. Es gibt unendlich viele Gastronomen, Geschäfte, örtliche Einrichtungen, Tagungszentren, Hotels, Skiverleihe, Skischulen, Sportvereine, die alle ein großes Interesse daran haben, dass viele Menschen positiv über Garmisch-Partenkirchen und die anderen Orte rund um die Zugspitze berichten. Doch auf Qype ist Totentanz.

Es gibt aus meiner Sicht mehrere Erklärungen dafür. Zum einen wäre es dringend notwendig, dass Qype in solch wichtigen touristischen Zentren präsent ist. Hier müsste eine aggressive PR-Strategie gefahren werden, um Orte wie Garmisch-Partenkirchen zu penetrieren. Denkbar wären Kooperationen mit dem örtlichen Tourismusverband, Zusammenarbeit mit Skischulen, Werbung bei einem der zahlreichen sportlichen Highlights wie Skispringen Vierschanzentournee, Alpiner Skiweltcup oder dergleichen mehr.

Zum anderen muss das Communitymanagement natürlich extrem gut sein. Und mit "gut" meine ich nicht allein die Qualität, sondern auch die Quantität. Ich weiß nicht, wie viele Communitymanager bei Qype arbeiten. Aber ich befürchte: weniger als 10. Um meine Community aber zu motivieren bedarf es bei einer so weit gefassten Zielgruppe wie bei Qype deutlich mehr Menschen, die für Qype als Communitymanager agieren. Bei RUF-Reisen sind das zum Beispiel knapp 20 Leute. Siehe hierzu dieses interessante Interview.

Ungenügende Incentivierungsstrategie beim Crowdsourcing

Der dritte Punkt, der Schuld daran ist, das Qype nicht wirklich funktioniert, ist die Incentivierungsstrategie. Ich fragte meine Frau, ob wir nicht was schreiben wollen, wenn es bisher nichts gibt, zu der herrlichen Baude, in der wir gerade leckeren Rhabarberkuchen aßen. Ihre Antwort: "Vielleicht. Später. Was soll ich mit nem zweiten Qype-T-Shirt oder ner neuen Tasse?" Will sagen: Die Incentivierung bei Qype ist unspannend! Man setzt auf die Faktoren "Fame" und "Spaß", was bedingt auch funktioniert. In Großstädten wird Qype offensichtlich besser angenommen. Aber reicht das langfristig? Ich denke nicht.

Alle Crowdsourcing-Projekte müssen sich für die Zukunft die Frage stellen "Ist meine Incentivierungsstragie ausreichend?". Das betrifft nicht nur Qype. Ich arbeite aktuell an drei Crowdsourcing-Projekten in der strategischen Planung mit und muss die Geldgeber immer wieder davon überzeugen, dass es wichtig ist nicht nur nehmen zu wollen, sondern auch zu geben. Ich versuche hier Strategien zu entwickeln, die für die Nutzer spannend sind. Die die Community motivieren langfristig aktiv zu sein und bei der Stange zu bleiben. Das ist sicherlich nicht einfach. Aber das Beispiel Qype zeigt, dass dies unbedingt notwendig ist.

Mundpropaganda via Facebook funktioniert

Freibad GrainauNoch einmal zurück zum Freibad in Grainau - das übrigens wirklich wunderbar ist! Den Tipp für dieses Freibad bekam ich via Facebook! Ich hatte meine dortigen Freunde um Tipps für Garmisch-Partenkirchen und Umgebung gebeten. Und ich bekam einen Haufen guter Tipps! Danke dafür, Martin! Diese Tipps waren Gold wert und entpuppten sich allesamt als großartig. Ich musste feststellen: Mundpropaganda ist großartig und funktioniert genial. Facebook war dafür der perfekte Kommunikationskanal. Denn hier konnte ich dann auch die Bilder hochladen und mich entsprechend bedanken. Wenn man jetzt auf Facebook nach Tipps für Garmisch-Partenkirchen sucht, wird man den ein oder anderen Tipp von mir finden. Die neue Facebook-Suche machts möglich.

Garmisch-Partenkirchen auf Facebook

Fazit für ein besseres Crowdsourcing

Natürlich war ich auch so fair etliche Fotos auf Qype hoch zu laden. Aber ich kann nicht verhehlen, das ich enttäuscht war von Qype. Qype hat für Garmisch-Partenkirchen als Portal für Tipps, Bilder, Meinungen miserabel funktioniert. Die gewaltigen Möglichkeiten von Crowdsourcing wurden an der Stelle bisher nicht ausgeschöpft. Die Gründe für das Versagen an dieser konkreten Stelle habe ich weiter oben benannt: Kein Marketing in solchen Regionen. Möglicherweise personell zu dünnes Communitymanagement um die unerlässlichen Leaduser ausfindig zu machen und stärker zu binden und zu motivieren. Ungenügende Incentivierungsstragien. Das machen andere Projekte in der Zukunft in Sachen Crowdsourcing hoffentlich besser.

Nachtrag: weitere Tipps, die mir auf Qype unzureichend oder gar nicht angezeigt wurden

In Murnau gibt es eine traumhafte Konditorei, in der man herrlich Kuchen, aber auch Salat essen und Tee trinken kann: das Café Kroenner. Auf Qype ist es leider nur sehr schwer zu finden. Wenigstens gibt es jetzt ein paar Bilder von mir.

Café Kroenner in Murnau

Café Kroenner in Murnau

Ein Traum ist auch der Berggasthof Almhütte, auch "Windbeutelalm" genannt.

Windbeutelalm

Windbeutelalm

Für die Esterbergalm gab es vorher gar keinen Eintrag auf Qype. Das haben wir geändert. Ein herrliches Wanderziel vom Wank herunter ins Tal.

Esterbergalm vom Wank aus

Und den leckersten Rhabarberkuchen der Welt - der mich echt aus den Latschen gehauen hat - gibt es nach einem recht beschwerlichen Anmarsch im Berggasthof Wamberg.

Berggasthof Wamberg

Die meisten Fotos wurden übrigens mit dem iPhone geschossen. Ich bin nicht zufrieden mit der Qualität, aber für solche Zwecke reicht es.