SocialNetworkStrategien Crowdsourcing, Communities, Communitymanagement und Social Media Marketing

14Jun/11Off

Crowdsourcing bei politischen Entscheidungen – das Pilotprojekt Island

Autor des Artikels: Matias Roskos

Darauf habe ich gewartet. Allerdings hätte ich gedacht, dass ich noch drei bis fünf Jahre warten muss, bis ich über einen solchen Fall berichten kann. Die Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa hat nun aber Entwicklungen beschleunigt. Und sie hat dem Social Web sicherlich geholfen, noch stärker in den Vordergrund zu rücken. Denn der normale Bürger bekommt in ihm endlich eine Stimme, die man nur schwerlich überhören kann.

Intern habe ich schon seit einigen Monaten davon erzählt, dass es irgendwann so kommen wird, dass politische Entscheidungsfindung zu Teilen ins Social Web ausgelagert wird. Denn nirgends ist man unkomplizierter und direkter an den Menschen dran und kann sie in Kommunikation einbinden. Okay, nicht jeder Politiker, nicht jede Partei möchte dies. Doch haben diese noch eine Chance in der Zukunft?

Man kann die Menschen via Internet ganz direkt fragen, was sie für richtig halten. Und welche Entscheidungen sie möchten. Auch bei einer Wahl fragt man ja die Menschen, was - bzw. welche Partei und deren Programm - sie für das Beste für ihr Land halten. Auch in Volksabstimmungen werden die Menschen zu ganz konkreten Themen befragt, was sie für die bessere Variante halten. Warum diese "Befragungen" und die damit im Vorfeld einhergehende Meinungsbildung - Die man auf keinen Fall unterschätzen sollte! - nicht ins Internet verlagern. Dort haben die Menschen Zeit zu antworten. Können sich parallel informieren. Und können zeit- und orts-ungebunden sich einbringen. Argumente können ausgetauscht, Analysen eingebracht, Vorschläge verbessert und verfeinert werden.

Das nennt man dann Crowdsourcing. Doch dafür ist es notwendig, dass alle Menschen ins Internet kommen. Und dass sie die Verwendung von Crowdsourcing-Mechanismen bei der Meinungsbildung und der anschließenden Meinungsfindung auch akzeptieren. Wenn nur 50% der wahlberechtigten Bevölkerung das Internet auch nutzen, wäre ein solches Vorgehen undemokratisch. Darum meine Annahme, dass wir darauf noch einige Jahre warten müssen.

IslandDoch in Island geht man diesen Schritt bereits im Jahr 2011. Gezwungen durch den immensen Vertrauensverlust in die Parteien und die führenden Politiker, die ihr Land gemeinsam mit den Banken in den Bankrott geführt haben. Man will neue Wege finden, um Vertrauen zurück zu gewinnen. Man will versuchen dem Bürger besser zuzuhören. Ihm die Möglichkeit geben sich zu äußern und aktives Mitglied der Meinungsbildung zu sein. Dafür bietet sich das Social Web und die intelligente Nutzung von Crowdsourcing-Mechanismen ideal an.

Darauf gestoßen bin ich auf Heise: "Verfassung via Crowdsourcing". Dort heißt es:

In Island wird derzeit an einer neuen Verfassung gearbeitet. Ende Juli soll ein Entwurf vorliegen, den die wahlberechtigten Einwohner der Insel dann in einer Abstimmung annehmen oder ablehnen können. Das besondere daran ist, dass nicht nur einige wenige Politiker Vorschläge dafür einbringen, sondern des gesamte Volk. Möglich wird dies dadurch, dass der Verfassungsrat seine Entwürfe wöchentlich im Web veröffentlicht und diese in einem Forum dazu und in Facebook (wo zwei Drittel der Isländer Mitglied sind) kommentieren lässt.
Darüber hinaus sind die Sitzungen des 25-köpfigen Verfassungsrates, der auch auf YouTube und Twitter vertreten ist, nicht nur öffentlich zugänglich, sondern werden auch gestreamt. Der Wirtschaftswissenschaftler Thorvaldur Gylfason, ein Mitglied des Verfassungsrates, meinte gegenüber dem britischen Guardian, dass er überrascht gewesen sei, auf welch hohem Niveau die Online-Diskussionen stattfinden und dass die Verfassung seiner Ansicht nach sogar "im Wesentlichen" im Internet entsteht.

Das Internet bietet uns schon heute alle Mechanismen, um tatsächlich politische Meinungsbildung zu betreiben. Und kann dabei viel effektiver sein, als der bisherige Print-TV-Berieselungsbrei, bei dem der normale Bürger selten wirklich zu Wort kommt. Auf Facebook und Twitter hat er bereits eine Stimme. Dieser müsste man "nur" zuhören. Man müsste diesen Stimmen Türen öffnen und lernen zuzuhören in Schritt 1. Um dann in Schritt 2 mit Hilfe von Crowdsourcing-Mechanismen Meinungen, Ideen, Vorschläge einordnen, werten und verbessern lassen. So wie es Island nun tut. Dass sind dynamische Prozesse, an deren Ende Vorlagen und Entwürfe für politische Entscheidungen stehen können. Auch in Island überlasst man das Erstellen einer neuen Verfassung nicht einfach so einer Community. Aber man bezieht die Menschen, in dem konkreten Fall das ganze Volk eines Landes, direkt in die Ideenfindung und die Meinungsbildung ein. Sie sind direkt involviert. Und so entsteht IHRE Verfassung. Nicht mehr in abstrakter Ferne, von abgehobenen Politikern. Sondern: gemeinsam! Für die Zukunft ihres Landes.

In Island geht man nun erstmals diesen Weg. Mit Hilfe von Crowdsourcing-Mechanismen entsteht eine Verfassung. Das Social Web wird genutzt, um politische Meinungsbildung und Entscheidungsfindung zu betreiben. Und ich bin vollauf begeistert. Mal sehen, wann die ersten Parteien oder die ersten Städte oder Bundesländer in Deutschland beginnen die Mechanismen des Social Web sinnvoll und zum Wohle der Bürger einzusetzen.

hat dir dieser Artikel gefallen?

Dann abonniere doch diesen Blog per RSS Feed!

Autor Info's mit anzeigen Matias Roskos

Kommentare (0) Trackbacks (0)

Die Kommentarfunktion ist hier derzeit deaktiviert.

Trackbacks are disabled.