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3Nov/10Off

Facebook dreht durch – Innsbruck und Wien mit 139.000 neuen “Fans” auf Facebook (Teil 2)

Autor des Artikels: Matias Roskos

Spinnt Facebook jetzt komplett? Zumindest in Österreich muss man diesen Eindruck haben. Erst neulich berichtete ich über den Innsbruck-Fall. Hannes Treichl wurden seine gut besuchte Fanseite weggenommen und Innsbruck-Tourismus überantwortet. Das Wegnehmen an sich mag rechtlich sogar noch im Rahmen liegen. Aber alle Fans ungefragt zu einer neuen Seite zu übertragen, ist eine Unverschämtheit und höchst bedenklich.

Und was mich noch nachdenklicher macht, ist der Fakt, dass Facebook - als weltweit größter Kommunikationsraum - selbst nicht in der Lage ist mit den auf ihrer Plattform agierenden Menschen zu kommunizieren.

Facebook + Kommunikation = Fehlanzeige?

Seit Tagen wartet Hannes Treichl auf eine offizielle Stellungnahme seitens Facebook zu seinem Fall. Telefonisch wurde ihm diese Stellungnahme zugesagt. Seitdem ist aber Funkstille. Sollte man so mit seinen aktivsten Nutzern umgehen?

Man hat den Eindruck, Facebook sei das scheißegal. Aufgebautes Vertrauen über die letzten zwei Jahre hinweg wird mit Füßen getreten. Und es wird deutlich, wem die Facebook-Seiten letztendlich gehören: Facebook! Und nicht dem Betreiber der Facebook-Seite.

Nun ist ein weiterer, prominenter Fall aufgetaucht. Seit zwei Tagen hat die Facebook-Seite von Wien-Tourismus statt den 6.000 Fans, die sie am 28. Oktober 2010 noch begrüßten, über 145.000 Fans! Wow. Auf der Wien-Seite ist dazu zu lesen:

Liebe Wien-Fans! Unsere WienTourismus-Fan-Seite wurde mit anderen Wien-Seiten zusammengeführt! Wir freuen uns sehr über zahlreiche Fans. Ihr bekommt auf unserer Seite aktuelle Infos und (Insider-)Tipps von Wien-Experten! Um euch in Zukunft noch besser betreuen zu können, fragen wir: Was wünscht ihr bzw. interessiert eu...ch: Kultur, Konzerte, Events, Kulinarik,...? Wir freuen uns über zahlreiche Rückmeldungen!

Wien mit 139.000 neuen Fans auf Facebook

Es entsteht tatsächlich der Eindruck, als wäre man auch bei Wien-Tourismus überrascht worden von diesem Vorgang. Österreich-Tourismus-Experte Martin Schobert schreibt zu diesem neuen Case Folgendes:

Möglicherweise inspiriert durch zahlreiche Kommentare, Meinungen und Kritik über die Vorgangsweise im Social Web wurden im Laufe des vergangenen Wochenendes auch Betreiber von Facebook Pages mit dem Namen Wien/Vienna/… per lapidarer Nachricht informiert, dass ihnen die Website entzogen wurde. Falls Einwände vorliegen würden könne man ja dagegen Einspruch erheben. Der nächste Schritt: Die Userzahlen der Facebook–Page von Wien Tourismus schnellt unfassbar rasch von ein paar Tausend auf 143.000 in die Höhe … – die Fans wurden somit gleich mittransferiert – egal ob diese das wollen oder nicht.
...
Ich habe gerade mit meinen KollegInnen bei Wien Tourismus telefoniert um deren Version der Geschichte zu erfahren – Ergebnis: Sie sind selbst von der überschnellen Vorgangsweise Facebooks überrascht. Schwierig für die KollegInnen von Wien Tourismus ist nun zu vermeiden, dass ungewollt entsprechende Negativ-PR durch Kommentare oder Posts ... entstehen.

Facebook beginnt ganz offensichtlich, zumindest in Österreich (keine Ahnung, wie das in anderen Ländern aktuell ausschaut), seine marktbeherrschende Stellung auszunutzen und von seinem Hausrecht, das ihm zweifelsohne zusteht, massiv Gebrauch zu machen. Zu Lasten von normalen, engagierten Fans, zugunsten von starken Marken. Die oft Probleme haben authentisch und locker zu agieren und somit Fans ihrer Marke zu binden. Ihnen fehlt oft das Fingerspitzengefühl und die richtige Strategie zum Umgang mit einer Community.

Verschieben sich hier die Gewichte auf Facebook? Den Eindruck kann man gewinnen. Und mir zumindest gefällt das ganz und gar nicht. Vermutlich bereitet man sogar ein Bezahl-Modell für die Facebook-Seiten vor, wie ich es schon vor ein paar Monaten vermutete. Ich bin mir sicher - es wird kommen.

Ich werde mit meinen Kunden daher, wie aber auch schon zuletzt geschehen, immer ganz genau besprechen, ob das Einrichten einer Facebook-Seite effektiv ist und Sinn macht. Oder ob nicht andere Social Media Bausteine spannender wären. Zur Zeit wird Social Media für meinen Geschmack eh viel zu sehr auf Facebook reduziert. Doch Social Media ist nicht nur Facebook! Social Media ist (zum Glück) viel Facetten-reicher. Dazu morgen in einem Artikel mehr (hier der Link zum Artikel "Social Media ist nicht nur Facebook").

Ich finde es traurig, wie Facebook hier agiert. Hausrecht ist gut und wichtig. Und das Marken gewisse Rechte haben ist absolut korrekt. Aber mit dem Vorschlaghammer auf engagierte Fans drauf zu hauen und selbst (als Facebook) jeglicher Kommunikation aus dem Wege zu gehen, passt nicht ins Bild des Social Web Vorreiters. Facebook droht sich in eine sehr unschöne Richtung zu entwickeln. Wenn solche Vorfälle zunehmen, werden sie viel an Reputation und damit auch an echten, engagierten Fans verlieren.

Was schade wäre. Denn ich mag die Plattform selbst immer noch sehr.

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Autor Info's mit anzeigen Matias Roskos

Kommentare (14) Trackbacks (4)
  1. Erstaunliches Vorgehen.
    Freu mich auf den Artikel morgen.

  2. “Social Media ist nicht nur Facebook”
    Ich gehe noch einen Schritt weiter: tendeziell ist Facebook überhaupt nicht SOCIAL Media, sondern auf dem “besten” Weg, ein ganz stinknormaler und -langweiliger Medienkanal zu werden. Richtig old school.

  3. Ich wüsste gerne wie es sich rechtlich verhält, wenn mir eine Seite weggenommen wird, für die ich zuvor innerhalb von Facebook kostenpflichtig geworben habe. Weiß das jemand?

  4. Eine verdammt gute Frage, Peter!

  5. @Bodenseepeter

    Ob auf Facebook vorher für die Seite kostenpflichtig geworben worden ist, dürfte an der rechtlichen Beurteilung der Sache grundsätzlich nichts ändern.

    Ob Facebook eine Seite entfernen darf, hängt davon ab, ob der Nutzer gegen (zulässige) Regelungen der Nutzungsbedingungen von Facebook verstossen hat. Gegebenenfalls darf Facebook wohl auch die Seite löschen und zumindest den Accountnamen neu vergeben. Was – unabhängig von etwaiger Facebook Werbung – wohl nicht zulässig sein dürfte, ist (auch bei einer Verletzung der Nutzungsbedingungen) die Übergabe der gesamten Page mit Fans und Inhalten an Dritte.

    Weitere Details in meinem entsprechenden Blogbeitrag unter http://rechtzweinull.de/index.php?/archives/161-Facebook-Recht-Tourismusverband-Innsbruck-kapert-Facebook-Account-mit-ueber-16.000-Fans.html

  6. Diese Fälle zeigen die enorme Marktmacht und zugleich die Gefahr durch willkürliche Eingriffe, die von kostenlosen sozialen Netzwerken wie Facebook ausgeht.
    Es ist davon auszugehen, dass sich solche Fälle zukünftig wiederholen werden.

  7. Das Problem hierbei liegt tatsächlich im Juristischen: Die Rechte an Städtenamen liegen bei der jeweiligen Körperschaft. Also für München bei der Landeshauptstadt München, bei Berlin beim Land Berlin etc. Anscheinend will Facebook Verstöße dagegen nicht länger dulden und suchen in den Städten “offizielle” Betreiber.

    Wir haben selbst in Hamburg mehrere Fanpages fusioniert zu einer zentralen mit 70.000 Fans (jetzt über 280.000), jedoch haben wir dies friedlich und im Dialog mit einzelnen Page-Administratoren vollzogen. Die heutige “Hamburg”-Fanpage wird vom Stadtportal hamburg.de verwaltet.

    Bevor also auf FB geschimpft wird, lohnt eine Auseinandersetzung mit den Namensrechten von Städten/Ländern/Kommunen etc. Ich denke in Österreich sieht die Rechtslage sehr ähnlich aus.

  8. Noch als Ergänzung: Ich habe vor kurzem Vertreter von wien.at getroffen und auch über das Thema Facebook-Fanpage gesprochen. Beim besten Willen konnte ich dort keinerlei Boshaftigkeit oder Feindseligkeit ggü. bisherigen Fanpages erkennen. Insofern glaube ich tatsächlich, dass hier Facebook schneller fusioniert hat als es geplant war.

    Klar ist doch: Kommunikation ist alles, auch im Fall eindeutiger juristischer Lage.

  9. Du sagst es Georg. GENAU DARUM geht es: Kommunikation. Miteinander reden. Und einen GEMEINSAMEN Weg finden!

    Den wird man auch in den meisten Fällen finden. Find ich gut, wenn es so läuft wie bei euch. Wenn damit alle zufrieden sind. Super.

    Aber in den oben beschriebenen Fällen werden engagierte Fans verprellt. Von wem auch immer…
    Das kann nicht die Lösung sein.

  10. Ich denke das es letzendllich der Community (also den fans) ziemlich gleich ist wer als Admin im hintergrund steht. Letztendlich bin ich auf eine Seite um mich mit gleichgesinnten zu unterhalten und infos zu bekommen, nicht um die Admins zu kontaktieren.

    Und das solchen großen Seiten für die oft einzelne personen die sie ursprunglich betrieben haben eigentlich nicht wirtschaftlich tragbar sind, ist es besser sie den Städte zu übergeben.

    Möchte man trotzdem eine community aufbauen um eine Stadt oder Region, empfehle ich Gruppen zu verwenden und hier auch deutlich den Zweck fest zu legen, z.B. “Studenten in Innsbruck”

  11. Sicherlich nicht hübsch, auf der anderen Seite ist auch klar: Wer sich heutzutage Namen registriert, deren offizieller Vertreter er nicht ist, muß damit rechnen. Und gerade das Thema Städtedomains (und in der Schlußfolgerung auch ‘Facebook-Domains’) kann man an einem Finger abzählen, daß hier eine Zurückführung stattfinden wird.

    Da genügt es auch nicht zu sagen “aber wir haben denen doch angeboten mit uns zu reden”.

    Trotzdem sollte FAcebook in diesem Fall besser vorgehen – Seiten verwarnen, Übergabezeit definieren und danach die Seite in Frage systemseitig kaltstellen.

  12. Eine sehr seltsame Diskussion. Wer glaubt allen Ernstens, dass Facebook den guten und wahren Grundsätzen von Social Media verpflichtet wäre? Facebook ist natürlich ein kommerzielles Projekt. Und klarerweise haben das auch gerade die Personen/Agenturen frühzeitig erkannt, die jetzt besonders maulen.

    Ich bin voll und ganz bei @Martin, wenn es um die theoretische Konzeption von Social Media geht. User erstellen und bearbeiten auf nicht-kommerzieller Basis Content zur Information und Nutzung durch alle. Nur haben gerade die frühzeitigen Nutzer, Personen und Agenturen das enorme (monetäre) Potenzial erkannt und die Grundsätze insoferne adaptiert, als dass als mittelfristige Perspektive sehrwohl eine marketing/salestechnische Nutzung von “user generated content” ins Visier genommen wurde, zumindest aber die Darstellung der eigenen Fähigkeiten und des Potientials in Form von Showcases.

    Ich sehe die Kritik an Facebook auch insoferne zwiespältig, da ja genau die Personen/Agenturen, die die freie Verfügbarkeit von Markennamen/VanityUrls reklamieren, maßgeblich zur Kommerzialisierung von Facebook beitragen, Teil der Umstellung eines Social Media Kanals/Social Networks in einen Marketing/Marktbeobachtungskanal (in der Touristik auch Saleskanal/Buchungsmöglichkeit über die Fanpage) sind und nur eine erfolgreiche monetäre Entwicklung die Geschäftsbasis ebendieser Marktteilnehmer festigt. Auch sehe ich eine Differenzierung zwischen ausschließlich beratenden Agentur und auch umsetzenden Agenturen, wobei natürlich zweitere wesentlich stärker von der Entwicklung betroffen sind.

    Man kann nicht Freiheiten pochen, die man sich selbst genommen hat, schon garnicht mit einem der größten Geschäftspartner weltweit. Ich halte eine solche Vorgehensweise für naiv.

  13. @eaglepowder: Ich finde die Diskussion nicht “seltsam”, sondern dringend notwendig.
    Natürlich ist Facebook erstmal eine kommerzielle Plattform. Aber sie lebt von den Menschen, die diese Plattform nutzen!

    Und wenn Facebook zu einer reinen Marketing-Schleuder wird und nur noch Marken spannend sind für Facebook, dann läutet das das Ende von Facebook ein! Dann wird es in zwei Jahren kein Facebook mehr geben. Weil es kaum noch Nutzer gibt.

    Plattformen kamen und gingen. Wer redet denn heute noch von MySpace oder StudiVZ? Zum Beispiel.
    Auch Facebook läuft Gefahr überholt zu werden, wenn sie einen Weg einschlagen, der die Menschen zu reinen Empfängern von Werbebotschaften macht. Der Internetnutzer ist mündig geworden. Und das find ich grandios.
    Er hat das Recht, woanders hin zu gehen. Und er wird es tun. Wenn Facebook nicht aufpasst und das Wichtigste an einem Social Media Angebot aus den Augen verliert: den Menschen!

  14. Das auch das Ende von Facebook schon in sicht war bei der erste codeschnipsel die Mark geschrieben hatte, ist jeder hier wohl klar. Dies ist ein überflüßiges Kommentar welche überhaupt nicht zu dieser seltsame diskussion beitragt.

    “achtung Facebook, sonnst löschen wir allen unseren account” Das haben wir wohl gesehen am 1. Juni 2010 am Internationalen delete account tag, wo volle 33.000 den account gelöscht haben und Millionen dazu kamen am gleichen Tag.

    Dieser Diskussiion geht über die selbstverherrlichung von Agenturen die Recht nehmen auf was sie wissend nicht hatten und sich im Nachhinein beschweren darüber um Publizität zu gewinnen in dieser neue Media. Und die was am lautesten schreien, trifft es am meisten zu.

    Facebook entscheidet wohl selbst über seine vorhaben und aktionen, da werden fanseiten mit ein par dutzend fans echt nicht plötzlich den ganzen philosophie umwerfen. Ich stelle mich das so vor:

    Facebook:
    “Ooooh, da haben wir einige Webdesigner in Austria böse gemacht, da mussen wir sofort stellung nehmen, lassen wir unsere Abteilung Support in Sydney das weiterleiten!”
    Sydney:
    “Sorry mate, we can`t find this place called “Swaz”, but we found this facebookpage: http://www.facebook.com/pages/SWAZ-DIESEL-coffee-culture/297231284585, what should we do?
    Facebook:
    Ok, well, just delete some pages in Austria and give this swaz page all their fans
    Sydney:
    Ok, we deleted a couple of pages in Austria about a place called Wien, I think this swaz-guy is happy now…
    Facebook:
    Thanks partner!

    Anyway…(spass beiseite)

    Facebook steht hier zwar jetzt in den Fokus, wird aber nicht reagieren und somit werden wir nur lernen können daraus. Und das Facebook irgendwo auch mal nicht mehr sein wird ist klar, aber das was bleiben wird ist das Internet, inclusive “social media funktionen” wo sich in 5 Jahr keine mehr dran erinnert weil es dann einfach wieder internet heisst. Und bis es soweit ist, schauen wir einfach das wir das beste daraus machen!