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28Okt/10Off

Die “gestohlene” Facebook-Seite – Innsbruck auf Facebook (Teil 1)

Autor des Artikels: Matias Roskos

Kann eine Facebook-Seite einfach so von jemand anderem übernommen werden? Samt Fans und Vanity-URL? Kann eine Seite gar gekidnappt werden?

Rechtsanwalt Carsten Ulbricht sagt: eigentlich nicht. Ausführlich schreibt er:

"Für eindeutig rechtswidrig halte ich allerdings die Übergabe des gesamten Accounts inklusive Inhalte und Fans. Bei diesem Vorgang sind rechtliche Argumente, wie etwaige Urheberrechte an den vom bisherigen Accountinhaber erstellten Inhalten, aber auch etwaige Datenschutzrechte der Fans bei der Prüfung der rechtlichen Zulässigkeit zu berücksichtigen. [...]

Im vorliegenden „Innsbruck“ Fall kommt darüber hinaus noch hinzu, dass man seitens der Verantwortlichen offensichtlich schon seit einiger Zeit von der Existenz der Facebook Seite wusste und sich dafür aber nicht interessiert hat. Als weiteres juristisches Argument könnte daher angeführt werden, dass die Nutzung des Namens geduldet worden ist und insofern nun nicht mehr rechtlich vorgegangen werden kann."

Genau das scheint aber nun geschehen zu sein. Die VanityURL www.facebook.com/Innsbruck wurde an Innsbruck Tourismus übertragen. Und gleichzeitig alle über 16.000 Fans. Innsbruck Tourismus kam auf Nachfrage von Journalisten angeblich aus dem Staunen nicht mehr heraus, als sie von heut auf morgen plötzlich nicht mehr unter 1.000, sondern über 16.000 Fans hatten. Angeblich wussten sie nichts vom Vorgang und konnten sich diesen Fan-Zuwachs selbst nicht erklären.

Die Seite unter der genannten URL gehörte bis vor wenigen Tagen Hannes Treichl. Dieser bekam von Facebook eine Email, in der stand:

"Deine Seite „Innsbruck (Tirol, Austria)“ wurde entfernt, weil sie gegen unsere Nutzungsbedingungen verstoßen hat. Eine Facebook-Seite ist ausschließlich für Unternehmens- und Werbezwecke bestimmt. [...]

Hannes kenne ich schon seit Jahren. Und genau vor Jahren hat er auf Facebook diese Seite für alle Innsbruck-Fans eingerichtet. Damals gab es diese strengen Facebook-Richtlinien noch gar nicht. Mehrmals versuchte er mit Innsbruck zusammen zu arbeiten. Doch nichts rührte sich nicht. Auf seinem Blog schreibt er nun dazu:

"Meine Kritik an Innsbruck Tourismus

Ich verstehe das Vorgehen nicht. Angebote für Gespräche zum (kostenlosen!) gemeinsamen Betreiben der Seite gab es meinerseits drei mal. Das erste mal übrigens schon vor 3 Jahren als Facebook in Eurem Hause noch nicht wirklich bekannt war.

Ihr habt die vielen Interaktionen auf der Seite lange verfolgt. Warum liegt Euch nichts am unglaublichen Engagement “echter” Freunde dieser Stadt? Ist das Planziel nun erfüllt und sind genügend Kontakte für Eure Stake-Holder generiert?"

Ich finde diesen aktuellen Fall für extrem spannend, weil er zeigt, wie man mit seinen Fans da draußen im Web NICHT umgehen sollte. Denn - unabhängig davon, wer hier im Recht ist (die VanityURL gehört aus rechtlicher Sicht sicherlich zu Innsbruck und seiner Tourismus-Behörde) - oft sind Fans starker Marken schon da. Und aktiv. Wie in diesem konkreten Fall für Innsbruck. Warum nicht zusammenarbeiten? Und warum kann Facebook nicht einen Austausch der Vanity-URL und des Seitennamens vorschlagen. Beides kann man nunmal als Administrator im Nachhinein nicht mehr ändern!

Mein Rat an alle Marken-Verantwortlichen da draußen: Sucht bitte den direkten Kontakt mit euren Fans! Das Social Web ist ein neuer, modernen Kommunikationsraum, in dem man sich keinesfalls wie der berühmte Elefant im Porzellanladen aufführen sollte. Mit den meisten (echten!) Fans, kann man wunderbar reden und sogar zusammenarbeiten. So wie es zum Beispiel einer der stärksten Marken der Welt tut: Coca-Cola.

Was kann es für eine Tourismus-Region Besseres geben als engagierte, motivierte Fans. Auf Facebook entbrannte gestern in meinem Account eine lebhafte und spannende Diskussion. Danke dafür an alle Beteiligten! So macht Social Media richtig Laune. Dort sagte ich unter anderem Folgendes zu diesem Fall:

"Es ist super unclever diese engagierten Menschen, die zugleich Multiplikatoren sind und ihr Können ja schon unter Beweis gestellt haben, nicht weiter einzubinden.
Und ein Markeninhaber, der Kommunikation nicht leben möchte, ist auf Facebook eh fehl am Platze.
"

Immer häufiger sehe ich, dass sich Marken auf Facebook eine Seite einrichten, aber überhaupt nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Und dass sie gar nicht in der Lage sind, offen und authentisch zu kommunizieren. Hier wurde der vierte Schritt vor dem ersten getan. Aktionismus ohne Sinn und Verstand. Und ohne Plan und Verständnis der Mechanismen des Social Web. *kopfschüttel*

Innsbruck Tourismus sagt, sie hätten mit diesem "Kidnapping" nichts zu tun. Lassen wir das mal so stehen. Dann liegt der Fehler eindeutig bei Facebook! Wünschenswert wäre es, dass man sich gemeinsam an einen Tisch setzt und beredet, wie man in der Zukunft Gutes tun kann für Innsbruck im Social Web und insbesonders auf Facebook. Dass es viele viele Fans gibt, sieht man ja am (ehemaligen) Erfolg der Fanseite von Hannes Treichl.

Übrigens: Schmarotzern, die frühzeitig sich einen Namen und eine Facebook-URL auf Kosten einer starken Marke gesichert haben und nun abkassieren wollen - denen muss das Handwerk gelegt werden. Auch das möchte ich an dieser Stelle klar und deutlich sagen. Aber der erste Schritt sollte immer sein: miteinander reden!

Ich hoffe, dass es dazu recht bald kommt. Hannes Treichl wartet nun auf eine offizielle Stellungnahme von Facebook, wie er mir vorhin am Telefon verriet. Ich bin gespannt, wie es weiter geht.

Danke fürs Teilen!
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Autor Info's mit anzeigen Matias Roskos

Kommentare (3) Trackbacks (2)
  1. Voll der Hype um diese Geschichte – passiert laufend. Aber es ist sicherlich sinnvoll hiergegen mal vorzugehen. Normalerweise wäre es ja social media Idealzustand, wenn die Community das Problem selber regelt. Spannend wie es weiter geht und herzlichen Dank für die umfangreiche Berichterstattung…

  2. Danke, absolut korrekt. Letztendlich schießt man sich mit solchen Aktionen selber ins Bein. Insbruck hätte Hannes lieber im Rahmen eines Kooperationsvertrages monatlich etwas zahlen sollen, damit er Online Reputations Management für die Stadt durchführt. So wurde genau das Gegenteil erreicht.
    Wobei es auch wieder ein Argument ist, sich bei Facebook nicht zu sehr zu engagieren…

  3. Es gibt hier vielen Ansichtsweisen, die aus sicht der TVB habe ich noch nicht kennengelernt, kann mich aber vorstellen das die nie geplant hatten die Seite zu “hijacken”, sondern nur die Vanity URL zurückfordern wollten, und dazu nur das verfügbare Formular auf Facebook genutzt haben, so wie schon so viele von uns getan haben und auch legal ist.

    Vielleicht wollten die gar nicht mit Hannes zusammenarbeiten, es gibt vielen Social Media berater, vielleicht existiert ein neuer Social Media Konzept samt beauftragter und war das zurückfordern der Vanity URL der erste Schritt dieses Konzepts?

    Wie der TVB angibt kamen sie selbst aus dem staunen nicht mehr raus das die plötzlich 16000 Fans hatten, das haben die gar nie geplant. Mit sicherheit war es die absicht nur die Vanity URL für die existierende, eigene Seite zu verwenden.

    Vielleicht passte eine Seite die “von freunden für freunden” oder “von fans für fans” (hier ist Hannes sich selbst nicht ganz sicher) gar nicht im neuen Konzept und war deswegen eine zusammenarbeit nicht interessant?

    Vielleicht hatte das TVB entschieden das die Seite von Hannes gut ist für Innsbruck und wollten für die Touristische verwendung eine eigene Seite “daneben” aufbauen? Weil sie vielleicht erkannt hatten das Werbebotschaften auf der Seite von Hannes keinen platz hatten?

    Ich glaube das Facebook hier zur verantwortung gezogen werden muss mit bezug auf das löschen der Hannes-Seite und zweitens auf das transportieren der Fans nach der TVB-Seite. Ein stadt wie Innsbruck wird ohnehin keine Mühe haben eine große fangemeinde zu erarbeiten. Auch die “transportierte” Fans haben offensichtlich nichts dagegen und “liken” und kommentieren fleißig, sehe letzter Post.

    http://www.facebook.com/Innsbruck

    Auch hat die Seite in den letzten Tagen weitere Fans bekommen ohne nennenswerte aktionen.

    Ich schliese mich an bei Ihre “Schmarotzen” Stellung.

    Einen schönen Ausgang dieser Situation würde für mich bedeuten:

    Hannes bekommt seine Seite wiederhergestellt, sammt 16000 Fans (sollte aber vielleicht der Titel der Seite ändern in “Von Fans für Fans von Innsbruck”), TVB bekommt die Vanity URL und die originellen Fans.

    So nebenbei kann dann Facebook beide parteien eine halbe Million entschädigung bezahlen für negative publicity, warum nicht?
    Vielleicht könnten dann beiden Parteien dies anwenden für das vermarkten der jeweilige Seite und uns zeigen wie Social Media Marketing betrieben werden muss.