Goodbye Zoomer
Das Nachrichtenportal aus dem Hause Holtzbrinck Zoomer wird seine Pforten nach nur einem Jahr Existenz schließen. Um das gleich vorneweg zu sagen: Das ist schade. Das ist traurig. Das hätte nicht sein müssen.
Die Wirtschafts- und Medienkrise hat bei uns und in unserem Mutterkonzern durchgeschlagen. Ein teures Experiment, das wir nunmal sind und waren, ist unter diesen Rahmenbedingungen nicht durchzuhalten. Die Crew der Redaktion aber geht erhobenen Hauptes von Bord: Wir haben etwas bewegt. Wir haben gewagt, wovor andere zurückgescheut sind. Und wir haben es gut gemacht. Das ist keine überzogene Selbstbeweihräucherung zur Beerdigung, sondern das, was wir von Euch Usern, von Kollegen und Kritikern gehört haben. Das mutige Konzept, Euch Leser viel direkter mit einzubeziehen, hat funktioniert. Leider fehlte uns die Zeit, um die nötige wirtschaftliche Stabilität zu erreichen.
heißt es im hauseigenen Blog dazu.
Es gab und gibt viele Kritiker von Zommer. Auch ich gehörte dazu. Aber: es war ein innovativer Versuch von Holtzbrinck komplett neue, mutige Wege in Sachen Nachrichtenportal zu beschreiten. Und es ist ein trauriges Zeichen, wenn ein solch mutiges Startup wieder eingestampft wird.
Zoomer war der Versuch ein redaktionell durch ausgebildete Journalisten geführtes Portal an den Start zu bringen, das seinen Lesern größtmögliche Einflussnahme auf die Wichtigkeit der Nachrichten einräumte. Man konnte voten, kommentieren, sich tiefer in die Themengebiete klicken.
Die Rechnung ist nicht aufgegangen. Oder? Holtzbrinck schließt es, weil es viel Geld kostet einen Stab von fast 50 Journalisten Monat für Monat zu bezahlen. Die Werbeeinnahmen standen ganz offensichtlich in keinem vernünftigen Verhältnis. Und die Zugriffszahlen zeigten auch nicht wie erhofft stetig nach oben, sondern vielen in den letzten Monaten sogar.
Es wurden aus meiner Sicht mehrere Fehler begangen. Die Journalisten waren engagiert. Aber den meisten fehlte das Verständnis des Web 2.0. Die existierenden Kanäle wurden nicht intensiv genug penetriert. Man verließ sich darauf, das die Leute schon zu einem finden würden.
Außerdem hatte man selten wirklich spannende News zu bieten. Eigentlich fand man alles, was man auf Zoomer fand, auch woanders. Doch auf Spiegel Online zum Beispiel gingen die wirklich wichtigen Nachrichten nicht zwischen DSDS und anderem dämlichen Livestyle-Gemurkse unter. Die Mischung auf der Zoomer-Startseite war meist arg gewöhnungsbedürftig und hat letztendlich wohl so richtig niemanden angesprochen. Ganz im Gegenteil: zu viele - so übrigens auch ich! - wurden abgeschreckt und besuchten Zoomer immer weniger.
Zu platt, zu oberflächlich, zu langweilig - auf den ersten Blick. Und der ist bekanntlich oft entscheidend.
Die Qualität in der Tiefe des Portals war teilweise beachtlich. Nur: dort fanden die wenigsten Leser hin.
Wie hätte man das ändern können? Ziemlich einfach: durch Individualisierung! Man hätte den Lesern Instrumente an die Hand geben können, mit denen sie sich ihre eigene Zoomer-Startseite individuell auf den eigenen Geschmack mit den eigenen Lieblingsthemengebieten und den Lieblingsautoren hätten abstimmen können. Gemixt mit Mashup-Elementen, wie sie Seiten wie Netvibes oder Popurls schon seit langem anbieten.
Zoomer war nicht konsequent innovativ genug. Man blieb auf halber Strecke stehen.
Außerdem hätte man meiner Meinung nach unbedingt Elemente von Digg.com übernehmen sollen. Also einen Mix schaffen aus redaktionellen Inhalten und aus Nachrichten der Nutzer. Mit einer gut durchdachten Strategie hätte man sich über die Zeit eigene Blogger heranziehen können, die oft schneller und besser in ihren Nischen informiert sind und so echte Scoops für Zoomer hätten liefern können. Auch eine Zusammenarbeit mit exzellenten Blogprojekten wie Netzwertig.com, Deutsche-Startups oder unserem eigenen VisualBlog wäre ja denkbar gewesen. 50 Prozent Journalisten, 50% Blogger, zum Teil aquiriert aus der eigenen Leserschaft - das wäre ein interessanter Mix geworden, der zu einem echten Erfolg hätte werden können.
Gut, niemand kann garantieren, dass diese von mir genannten Ansätze zum Erfolg geführt hätten. Aber gerade Zoomer hätte von seiner Grundausrichtung her das Potential gehabt diese neuen Wege zu beschreiten. Ich hatte darauf gehofft. Doch nun macht man dicht. Und macht Leute wie mich traurig. Ein innovatives, journalistisches Projekt weniger. Schade.







