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6Jan/09Off

80% der Web-Startups haben keine Chance – dennoch…

Autor des Artikels: Matias Roskos

2006 und 2007 war das große Jahr der Internet-Startups. Etliche junge Neugründungen erhielten Venture Capital und Fördergelder. Viele Ideen wurden geboren oder auch einfach nur aus den USA abgekupfert. Viele schüttelten mit dem Kopf und fragten sich: "Was soll das?". 2008 dann begann das langsame Sterben etlicher dieser Startups. Bei manchen mit lautem Getöse oder einer Ebay-Versteigerung. Andere verschwanden vollkommen unbemerkt von der Bildfläche. Und die kritischen Geister jubilierten: "Seht ihr. Ich wusste es doch!"

Aus meiner Sicht haben 80% der Web-Startups keine Zukunftsperspektive. Aus einem einfachen Grund: kein tragfähiges Geschäftsmodell.

Die meisten Startups setzen in ihren Businessplänen auf schnelles Wachstum und damit einhergehend Erlöse über Bannerwerbung. Doch welches Startup kann es denn wirklich schaffen eine solch große Community aufzubauen, das wirklich Werbeerlöse in einem sinnvollen Rahmen erzielt werden können? StudiVZ kann es, Wer-kennt-wen kann es, Bigpoint kann es. Aber die meisten der Neugründungen wird es nie schaffen. Die meisten Businesspläne sind daher aus meiner Sicht Humbug und Augenwischerei. Oder dienen nur dem einen Zweck: Kapital zu bekommen und Banker zu überzeugen. Die stehen nun mal auf Zahlen.

Aber (!) ich sage damit NICHT, das nicht etliche der Web-Startups Sinn machen. Ganz im Gegenteil: Internet-Startups machen Sinn! Alle.

Sie haben meist keine wirkliche Überlebenschance, weil der Großteil der Internetnutzer sich zum einen auf Google, Yahoo, Amazon & Co. versammelt oder den Weg in die wirklich großen Social Networks geht: MySpace, Facebook, StudiVZ, auch Wer-kennt-wen. Kaum jemand hat Lust sich auf fünf weiteren Plattformen anzumelden, wo kaum jemand ist, geschweige denn jemand den man schon kennt.

Eine Chance für Startups wäre es, würde es ihnen gelingen Kooperationen mit den großen Playern einzugehen. Wie es zum Beispiel Weblin (mit T-Online) gelungen ist. Doch die meisten Startups tun so, als würden sie allein überleben können. Blödsinn. Ein echter Mehrwert könnte nur generiert werden, wenn zum Beispiel mein Social Shopping Angebot von den Usern auf StudiVZ genutzt werden könnte oder wenn meine Karaoke-Maschine direkt in MySpace eingebunden wird. Als bezahltes Widget zum Beispiel. Obs funktioniert, müsste die Zeit zeigen. Aber eine eigene Community, mit der relevante Werbeerlöse erzielt werden könnten, ist aus meiner Sicht utopisch. Selbst viele auf Ecommerce ausgerichtete Startups, wo es Erlöse durch Prozente an den Verkäufen gibt, können nicht wirklich tragfähig arbeiten und haben in der Zukunft nur eine Chance, wenn sie Symbiosen eingehen mit Amazon, Ebay, MySpace, T-Online, Apple, Yahoo und ähnlich großen Plattformen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, das sich diese Big Player umschauen werden, welche Startups zu ihnen passen und wie man diese intelligent ins eigene Angebot integrieren kann. Google, Yahoo, T-Online und andere haben ja zuletzt schon eingekauft und probieren, was wie wo integriert werden kann. Amazon zum Beispiel hält sich da noch arg zurück.

Dennoch: Viele Startups machen absolut Sinn. Für die Gründer, weil sie Erfahrungen sammeln können, weil sich funktionierende Teams bilden und weil Konzepte getestet werden. Was kommt an bei den Nutzern, was funktioniert nicht? Wo sind die technischen Hürden und wie hoch sind sie?

Für Investoren ist es ebenso spannend, weil sie in einem finanziell für sie oft überschaubaren Rahmen experimentieren können, was funktionieren könnte und was nicht. Trial and error. Da es kaum wissenschaftliche Grundlagen und Analysen für das Agieren im Web 2.0 gibt - Hochschulen, Studenten, Professoren: Wo seid ihr? - kann es nur über Tests und Experimente gehen. Es bilden sich so Teams und Erfahrungswerte, auf die in der Zukunft zurückgegriffen werden kann! Und das ist gut für die Internetindustrie und gut für die Investoren. Sie kommen so an eingespielte Teams und erfahrene Communitymanager, Projektleiter, Marketingexperten, die später in anderen Projekten erfolgreicher arbeiten können. Viele der Gründer werden in der Zukunft in durchaus verantwortungsvollen Positionen in größeren und besser funktionierenden Internetunternehmen sitzen und dort ihre gesammelten Erfahrungen - positive wie negative - mit einbringen.

So wurde es zum Beispiel auch bei dem überaus erfolgreichen Brands4friends praktiziert. Hier trafen etliche mittlerweile schon recht erfahrene Internetmenschen aufeinander und bauten in kürzester Zeit ein neues, extrem erfolgreiches Unternehmen auf. Ihre Erfahrung zahlte sich sofort aus.

Fazit

1. Der Großteil der Internet-Startups hat keine Überlebenschance, weil sie solo nicht wirtschaftlich überleben können. Bei den meisten Ideen wäre eine Symbiose mit großen Social Networks die einzige Perspektive. Doch diese wiederum sind an diesem Punkt noch deutlich zu zurückhaltend.
2. Ein Gesundschrumpfen der Startups ist normal. Trial and Error gehören zum Internetgeschäft ganz normal dazu, da es kaum wissenschaftliche Grundlagen gibt.
3. Die gesammelten Erfahrungswerte dabei sind Gold wert.
4. Diese Internetstartups machen Sinn, weil wertvolle Erfahrungen gesammelt werden konnten und Menschen dabei geschult und ausgebildet wurden, die später in anderen Projekten ihre Erfahrungen einbringen können. Beispiele dafür gibt es mittlerweile einige.

Darum: verteufeln wir nicht die vielen Startups mit den abstrusesten Ideen. Sie werden als eigenständiges Projekt nicht funktionieren - das ist richtig. Aber die Teams, die Menschen dahinter werden später an anderer Stelle ihre Erfahrungswerte einbringen können.

Wir alle können dabei lernen. Lernen, wie das neue Netz, das Web 2.0 funktioniert und was die Menschen wollen und sich erhoffen für die Zukunft. In diesem Sinne ist jedes Internet-Startup gut und sinnvoll und jeden Cent wert, der dort hinein gesteckt wird. Trotz des Kopfschüttelns, das auch mich immer wieder plagt.

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Autor Info's mit anzeigen Matias Roskos

Kommentare (6) Trackbacks (1)
  1. Vielen Dank, derartige Artikel machen immer wieder Mut zu einem kalkuliertem Risiko.

  2. Sehr schön geschrieben.

  3. vielen dank für die blumen… :)

  4. Wirklich schöner Artikel! Aber wie kommst Du darauf, dass StudiVZ Werbeerlöse in einem sinnvollen Rahmen erzielt? Immerhin schreibt StudiVZ für das Jahr 2008 mehr als 10 Mio. Euro Verlust.

  5. Hi Andi,
    wenn man bei StudiVZ sich im Umfeld ein bisschen umhört, dann erfährt man schon, das die Werbeerlöse gar nicht so unspannend sind und das man die Verluste auch niedriger ausfallen lassen könnte, wenn man wollte. Über die Gründe dafür will ich hier lieber nicht reden. Aber Ehssan Dariani hat nicht umsonst einen Anwalt eingeschaltet.
    Und StudiVZ hat nunmal als Startup durchaus schon überzeugt. Egal, ob man die Art und Weise mag oder nicht. Wer mich kennt, weiß, das ich vieles in der Vergangenheit dort nicht sehr sympathisch fand. Aber die Gründer konnten ein enormes Wachstum erreichen und für gutes Geld verkaufen.
    Ob StudiVZ langfristig als eigenständiges Netzwerk überlebt, möchte auch ich bezweifeln. Wenn sie so weiter machen wie bisher, gibt es StudiVZ in zwei Jahren nicht mehr – höchstes als Facebook-Filiale.
    Ich glaub, wir sind uns da weitestgehend einig.